Vincent Chablais


2002

320 x 260 cm

Öl/Harzfarbe auf Papier

Madleine Schuppli

In der Ausstellungsreihe enter zeigt der in Bern lebende Künstler Vincent Chablais grossformatige Arbeiten auf Papier. Der Maler – der seine Motive stets im Rahmen von mehrteiligen Werkserien bearbeitet – stellt in seiner installativen Präsentation zwei Themen zueinander in Beziehung. Die gewählten Bildgegenstände, eine Taube und eine Ansammlung von Dominosteinen, sind vordergründig betrachtet belanglos. Malerisch, ästhetisch und inhaltlich ergibt sich aber ein spannungsvoller Dialog zwischen den zwei Arbeiten. Beide Motive lassen farblich keinen grossen Spielraum. Das Federkleid des Vogels changiert in den Grautönen, seine Umsetzung erinnert an die klassische Grisaille-Malerei. Die Spielsteine mit ihren schwarzen Oberflächen und weissen Punkten, sind farblich noch limitierter. Aus der „Absenz“ von Farbe weiss der Künstler jedoch malerisches Potential zu schlagen, der matte Ganz der Federn in seinen sanften Abstufungen verbindet sich mit den hell-dunkel Kontrasten der Dominosteine. Der Künstler hat die Akribie, die in früheren Arbeiten zum Tragen kam, insbesondere bei der ganz aktuellen Arbeit mit den Dominos, zu Gunsten einer gestischeren Arbeitsweise hinter sich gelassen. Der Strich bleibt sichtbar, Ungereimtheiten werden nicht überarbeitet, Genauigkeit wird durch Leichtigkeit ersetzt. Wie bereits Ulrich Look in seinem Katalogtext von 1995 ausführt, kommen in Vincent Chablais Bildern Abstraktion und Repräsentation gleichwertige Rollen zu. Die Betrachtenden können, je nach Sichtweise, ebenso eine Ansammlung von Dominosteinen, wie eine geometrische hell-dunkel-Malerei sehen. Diese Ambivalenz liegt im –natürlich sehr bewusst gewählten – im Motiv. Die Spielsteine zeichnen sich durch ihre Oberflächenzeichnung aus, diese gibt ihnen ihre Funktion. Die unterschiedliche Anordnung von weissen „Augen“ auf dem schwarzen Holz legitimiert sie. Die Taube ist kompositorisch auf der weissen Bildfläche zentral freigestellt. Ähnlich wie bei früheren Arbeiten mit Motiven wie Hausfassaden oder Pflanzen, ist im Bild der Dominosteine eine sich auf der ganzen Bildfläche und scheinbar über diese hinaus entwickelnde Komposition angewandt. Ein Motivteppich der zum Ornament werden kann. Das räumliche Element schiebt sich dadurch in den Hintergrund. Die pointierte Körperlichkeit der Taube ist der gebrochenen Illusion von Volumen und Raum bei den Dominosteinen gegenübergestellt. Der Künstler initiiert ein Spiel mit den Grössenverhältnissen. Der Taube gibt er eine ins Monumentale gesteigerte Dimension und verleiht ihr somit eine Bedeutung, die konträr zu unserer (fehlenden) Wertschätzung dieser Spezies steht. Tauben treten stets in Schwärmen auf, Vincent Chablais nobilitiert das Massentiere durch diese portraitähnliche Darstellung eines Einzelwesens. Die Dominosteine sind nur ab einer gewissen Anzahl brauchbar, sei es dass man die aufgereihten Steine in sich zusammenfallen lässt, sei es dass man ausgehend von den Augenzahlen der Steine ein Spiel initiiert. Bei den verschiedenen Spielvarianten die auf Reihung, Ordnung, aber auch dem folgenden Chaos basieren, spielt immer der Zufall eine entscheidende Rolle. Ein Spiel der Ambivalenzen ist es, das Vincent Chablais in seinem Werk treibt, und zwar auf allen Ebenen.